Behavioural Design Policy – wie man mit Design die Demokratie abschafft

Zwei Männer und eine Frau. Dazwischen eine Tafel mit Zetteln.
Norbert Gilles und Tom Klose erläutern den Session.Plan für den Open Space. Ich stehe rechts im Eck und warte darauf, dass ich meine Session ankündigen kann. Foto: Bettina Schmidt

Behavioural Design Policy, Inklusive Kommunikation, die Stadt der Zukunft und ein wütender Koch. – Das alles und noch viel mehr, war Thema beim 2. Behavioural Design Camp in den Räumen der Digital-Agentur Scholz & Volkmer (s&v). Veranstalter waren s&v sowie Innovationsberater Tom Klose (supernju) und Kommunikationsdesigner Norbert Gilles (giinco) vom Verein für Netzkultur RheinMain.

Ich habe die Gelegenheit genutzt, um in der lockeren Atmosphäre des Camps (vorbildliche Organisation, leckeres Essen und ein super Team im Hintergrund) meine erste Barcamp Session zu geben.

Redner vor Publikum
Basil Bornemann beim 2. Behavioural Design Camp

Basil Bornemann: Behavioural Design Policy – das politische Gestalten von Verhalten

Die Keynote kommt von Basil Bornemann, er ist Nachhaltigkeitsforscher an der Uni Basel. Sein Thema ist das politische Gestalten von Verhalten. Basil sieht eine Verschiebung der Gestaltung von kollektiven Akteuren, wie Unternehmen, hin zu Einzelpersonen.

Der Vortrag ist enorm komplex mit vielen Beispielen und Seitensträngen. – Ich versuche mal, das Wesentliche zusammenzufassen.

Zunächst einmal definiert Basil den Begriff Behavioural Design. Im Behavioural Design geht man aus, dass man menschliches Verhalten beeinflussen kann. Denn die Wenigsten verhalten sich so rational wie Mr. Spock von der Enterprise.

Policy Design wiederum versucht, die Entscheidungen von öffentlichen Institutionen zu gestalten. Behavioural Policy Design (Nudging) versucht also, politische Akteure, und das sind wir ja alle, in eine Richtung zu stupsen.

Ein gutes Beispiel für Behavioural Policy Design ist die Anordnung des Essens in der Kantine. Wenn die Geschäftsleitung beschließt, dass die Mitarbeiter gesünder essen sollen, lässt sie Salat, Rindersteak und vegetarische Gerichte so platzieren, dass sie schon auf dem Tablett sind, wenn man den leckeren Schweinsbraten sieht.

Kritiker begreifen Nudging als Eingriff in die Freiheit menschlicher Entscheidung. Es kommt hauptsächlich in demokratischen Ländern vor. In Diktaturen bestimmt der Staat ganz ohne Anreize was die Bürger zu tun haben.

Donald Trump soll das Nudging übrigens abgeschafft haben.

Ein riesiger Garten, im Hintergrudnein Gebäude aus Backsteinen.
Pause im Agentur-Garten.

Clia Vogel: Inklusive Kommunikation

Nach Baslis Key Note kommen die ersten Teilnehmer-Sessions. Das Grüppchen, das sich mir anschließt ist winzig. Wie erwartet, lockt die Inklusive Kommunikation nur wenige. Obwohl das Thema mega-wichtig ist, ist es einfach nicht sexy.

Jede*r Dritte deutsch sprechende Erwachsene von 18 bis 64 hat Probleme beim Lesen und Schreiben. Dazu kommen Menschen mit Seh– und/oder Höreinschränkungen. Und darüber hinaus die Tatsache, dass bedingt durch Schlafmangel, Wut, Angst, Trauer oder Liebeskummer, wir alle zeitweise eingeschränkt in unserer Wahrnehmung sind. Von den Einschränkungen, die mit dem Alter kommen und uns ebenfalls alle betreffen, will ich gar nicht erst anfangen.

Microsoft hat´s übrigens erkannt und ein Toolkit für Inclusive Design entwickelt. Das hab ich in meiner Session gelernt. Und hoffe nun, dass irgendwann mehr Tech Giganten dieser Erkenntnis folgen und diese Erkenntnis dann endlich auch die breite Masse erreichen.

Redner vor seiner Präsentation
Peter Post entwickelt die Stadt der Zukunft.

Peter Post: Die Stadt der Zukunft

Die Session von Peter Post, Geschäftsführer bei Scholz & Volkmer, baut quasi auf dem Vortrag von Basil Bornemann auf. Peter wirft die Frage auf, wie viel Einfluss der Staat noch hat, wenn sich Digital-Konzerne zwischen Kommune und Bürger drängeln und entwirft ein beängstigendes Zukunftsszenario.

Was passiert, wenn Konzerne wie Google in die Stadtentwicklung und Besiedlung einsteigen? Wer bestimmt, was mit den Daten der Bürger geschieht, die ja gleichzeitig auch Kunden sind? Und wer entscheidet, was in den Städten selbst geschieht?

Gibt es eine eigene Währung, mit dem Porträt von Mark Zuckerberg? Kümmert sich Apple um die Datensammlung und -Verarbeitung in Arztpraxen und Krankenhäusern? Wer ist für Bestattungen und Friedhöfe zuständig? Kann Amazon bestimmen, welches Obst und Gemüse angeboten wird und damit Einfluss auf unsere Ernährung nehmen?

Zwei Männer und ein Foto
Norbert Gilles kündigt „The Angry Chef“, Anthony Warner, an. Der lümmelt derweil rechts im Eck und wartet auf seinen Auftritt

„The Angry Chef“: Ernährung ist kompliziert

Anthony Warner, bekannt als „Angry Chef“ kommt direkt aus London. Der „wütende Koch“ macht erstmal ausgiebig Werbung für seine Bücher. Die ersten beiden zeigt er, das dritte kündigt er an.

In mir regte sich schon heftiger Widerstand über diese schamlose Selbstdarstellung, doch sein Vortrag nimmt mich dann doch für ihn ein. – Vielleicht weil er genau das sagt, was ich selber denke. 😉

Dem Angry Chef geht es um Ernährungsformen. „Es ist kompliziert“ Sagt er. Und manchmal wird es auch kompliziert gemacht. Er schüttelt den Kopf über Menschen, die sich so sehr mit ihrer Ernährungsform identifizieren, dass sie sogar in den Social Media Profilen erwähnt wird. Vegan, vegetarisch, glutenfrei, canivor, Paleo, Low Carb und was es da so sonst noch so alles gibt: Anthony findet es viel zu kompliziert. Und doch – die einfache Lösung gibt´s nicht.

Statt dessen sind da jede Menge Probleme. Regionale Lebensmittel – ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, welche CO2-Ausstoß die Transporter verursachen, die die Lebensmittel auf den Wochenmarkt bringen. Da sei, laut einer Studie der Uni Sheffield, die Logistik der Supermärkte viel umweltfreundlicher.

Vegan – nicht zu empfehlen, weil in manchen Teilen der Erde so wenig wächst, dass es ohne tierisches Eiweiß einfach nicht geht. Die fleischlastige Ernährung in den reichen Ländern wiederum benötigt gigantische Mengen von Wasser und Getreide, mit denen das Vieh gefüttert wird. Während Menschen in armen Ländern hungern.

Konventionelle Landwirtschaft vergiftet mit ihren Düngern und Pflanzenschutzmitteln den Boden und die Insekten. Ökologische Landwirtschaft benötigt viel Platz, weil der Ertrag einer Fläche geringer ist als in der konventionellen Landwirtschaft.

Ein weiteres Thema ist die Lebensmittelverschwendung. Die Leute kaufen Abgepacktes im Supermarkt. Und weil sie nicht alles brauchen, was sie kaufen, werfen sie dann Lebensmittel weg. Die Verpackungen sind oft aus Plastik – noch ein Problem.

Anthony endet so, wie er anfangt: „Es ist kompliziert.“ – Und gerade heute habe ich gelesen, dass es für die Briten künftig noch komplizierter wird. Denn dank Brexit werden sie künftig weniger frische Lebensmittel auf den Inseln haben. Einige Nahrungsmittelkonzerne horten schon jetzt Tomatenkonserven für Tiefkühlpizza.

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Inklusive Kommunikation

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