Frauenkörper ticken anders – eine Buchvorstellung und Tipps für den Weg durch´s Gesundheitssystem

Wenn man sich in den Sozialen Medien umschaut, sieht es so aus, als seien Frauenkörper und Frauengesundheit heute ein riesiges Thema. Das gilt insbesondere für Klitoris und Wechseljahre.

Seit einigen Jahren wird von Influencerinnen immer mehr über Frauengesundheit gebloggt. Mittlerweile posten auch Gynäkologinnen auf Facebook und Instagram.

Mit der Wechseljahrsbegleiterin ist sogar ein völlig neuer Beruf entstanden, der sich um die Gesundheit von Frauen vor und nach der Menopause kümmert.

Titelseite des Buches Frauenkörper ticken anders von Miriam Funk
Frauenkörper ticken anders, Autorin: Miriam Funk, Verlag: Mabuse

Auf den ersten Blick sieht es also so aus, als gebe es Wissen und Angebote zur Frauengesundheit im Überfluss. Man glaubt, das Dritte der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, nämlich „Gesundheit und Wohlbefinden für alle Menschen“, wäre bereits verwirklicht.

Doch der Schein trügt. Noch immer herrscht in Bevölkerung und Ärzteschaft viel Unwissen über Frauengesundheit. Denn jahrhundertelang orientierte sich medizinische Forschung und Diagnostik am Mann. Ein fataler Fehler, wie sich immer häufiger herausstellt.

Fehldiagnosen, Medical Gaslighting, Übergriffe

Das Buch „Frauenkörper ticken anders“ der Medizinjournalistin Miriam Funk zeigt umfassend und detailliert, wie Frauen von der Medizin in ihrer Gesamtheit und von einzelnen Mitgliedern der Ärzteschaft bis heute immer wieder übersehen und schlimmstenfalls verarscht werden.

Dabei geht Miriam Funk in ihrem Buch nicht nur auf lückenhaftes Wissen und Fehleinschätzungen in der Gynäkologie ein. Sie erklärt auch, dass sich Gesundheitsstörungen, die auf den ersten Blick nichts mit dem Geschlecht zu tun haben, bei Frauen und Männern völlig unterschiedlich zeigen können. Das bekannteste Beispiel hier ist wohl der Herzinfarkt.

Besonders ärgerlich: Frauen bekommen nicht nur falsche oder keine Diagnosen. Sie müssen sich von ratlosen Ärzten auch noch einreden lassen, psychische Probleme zu haben, wenn Ärzt:innen die Ursachen ihres Leids nicht finden.

Dieses Phänomen tritt so oft auf, dass es mittlerweile sogar einen eigenen Namen hat: Medical Gaslighting.

Aber das ist nicht das einzige Ärgernis, das Miriam Funk im Umgang von Ärzt:innen mit Patientinnen beschreibt. Immer wieder kommt es in Praxen und Krankenhäusern auch zu Übergriffen und Belästigungen.

Die Medizin ist heute für Frauen kein wirklich sicherer Ort und es wird noch dauern bis sich das ändert.

Erst seit 2003 Gender-Medizin an Universitäten

Erst 2003 wurde an der Berliner Universitätsklinik Charité das interdisziplinäre Zentrum „Gender in Medicine“ gegründet.

Wer heute in Berlin Medizin studiert, hat Gender-Medizin seit 2010 als Pflichtfach. Seit 2021 müssen sich auch Studierende in Bielefeld mit dem Thema Gender-Medizin auseinandersetzen.

Im Laufe der kommenden Jahre soll Gender-Medizin verbindlich in allen Medizinstudiengängen in Deutschland eingeführt werden. Allerdings gibt es da ein Problem, erklärt das Buch von Miriam Funk.

Aktuell nur eine Vollzeitprofessur für Gender-Medizin in Deutschland

Es gibt bislang noch keine ausreichende Anzahl an Lehrenden für das Thema Frauengesundheit. Zwar existiert seit 2024 eine erste Vollzeitprofessur für geschlechtersensible Medizin, aber in Deutschland existieren rund 40 Universitäten, die Medizin als Studienfach anbieten.

Es werden also dringend Fachleute für Gender-Medizin an den Hochschulen und in den Lehrkrankenhäusern gebraucht.

Wenn diese Menschen in ausreichender Zahl gefunden sind, wird es immer noch Jahrzehnte dauern, bis die gendergerechte Medizin in allen Kliniken und Praxen ganz normaler Alltag ist. Denn ein Medizinstudium und die anschließende Ausbildung zum Facharzt dauern mindestens zehn bis zwölf Jahre.

Ärztliche Ahnungslosigkeit über die Wechseljahre

Besonders unerfreulich ist die Situation für Frauen in den Wechseljahren. Denn über diesen herausfordernden Lebensabschnitt, der mehr als ein Jahrzehnt dauern kann, lernen angehende Mediziner:innen im Studium bisher fast nichts. Das gilt auch für Gynäkolog:innen.

Das hat für Frauen schlimme Folgen, denn die allgemeine Vorstellung von Wechseljahrsbeschwerden ist viel zu eingeschränkt. Die meisten denken dabei nur an Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und Trockenheit der Vagina.

Laut den Recherchen von Miriam Funk gibt es aber rund 35 verschiedene Wechseljahrssymptome, die das Wohlbefinden von Frauen stark einschränken können. Viele davon sind behandelbar, aber dazu müssen sie natürlich erst einmal erkannt und richtig zugeordnet werden.

Resümée und hilfreiche Adressen für den Weg durch´s Gesundheitssystem

Insgesamt kann man sagen: Beim Lesen von Miriam Funks Buch „Frauenkörper ticken anders“ wird einem richtig mulmig. Und das liegt nicht am Buch – das ist exzellent recherchiert und geschrieben – sondern an den Zuständen, die es beschreibt.

Lest das Buch bitte trotzdem, denn es ist wichtig, dass ihr die Stellen kennt, an denen Ihr vielleicht vom Gesundheitssystem verarscht werdet. Lasst Euch nicht einschüchtern, wenn Ärzt:innen für Eure gesundheitlichen Probleme keine Lösungen anbieten (können), die Euch zufriedenstellen.

Fragt, fordert, nervt, zieht einen Ärzt:innen-Wechsel in Betracht oder holt Euch zumindest eine zweite Meinung. Lasst Euch auch gerne zusätzlich in einem feministischen Frauengesundheitszentrum beraten.

Diese feministischen Zentren wurden oft schon in den 1970er-Jahren gegründet. Denn Feministinnen war bereits damals klar, dass die konventionelle Medizin Frauen seit Jahrhunderten vernachlässigt.

Adressen findet Ihr auf der Website des Verbands der deutschen Frauengesundheitszentren https://www.frauengesundheitszentren.de/

Informationen in Buchform und als Podcast bekommt ihr von Dr. Mandy Mangler. Die Medizinprofessorin lehrt und praktiziert in Berlin. Ihre Veröffentlichungen zum Thema Frauengesundheit sind Kult. Besonders beliebt ist jetzt schon ihr neues Buch „Don´t miss the Clitoris – eine Bedienungsanleitung“.

Eine kostenlose Hotline für Eure Fragen betreibt die Unabhängige Patientenberatung Deutschland. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu unterstützen, die auf ihrem Weg durchs Gesundheitssystem nicht weiterwissen.

Beschwerden über einzelne Ärzt:innen nimmt – immer in dem Bundesland in dem ihr wohnt – die Kassenärztliche Vereinigung entgegen.

Manchmal kann sogar die eigene Krankenkasse weiterhelfen. (Ja, das habe ich als gesetzlich Versicherte schon mehrfach erlebt.)

Begleitung in den Wechseljahren

Für Probleme rund um die Wechseljahre entsteht, wie eingangs schon erwähnt, gerade ein völlig neuer Beruf, die Wechseljahrsbegleiterin (WJB). Entsprechende Angebote für Selbstzahlerinnen findet Ihr online. Einige WJB bieten auch Ratenzahlung an.

Schaut aber bitte vorab genau, welche Art von Ausbildung und Berufserfahrung die WJB hat. Arbeitet sie wirklich wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert oder ist sie womöglich nur eine Influencerin, die Geld machen will?

Eine weitere wichtige Frage, die Ihr meiner Meinung nach klären solltet: Empfiehlt die WJB als Problemlösung nur die Einnahme von Hormonen oder zeigt und erklärt sie auch, was es sonst noch für Möglichkeiten gibt?

Frauenkörper ticken anders – Buch-Weitergabe

Das Buch „Frauenkörper ticken anders“ von Miriam Funk kostet 20 Euro und ist im Mabuse-Verlag erschienen. Gerne gebe ich das Lese-Exemplar, das mir der Verlag zur Verfügung gestellt hat, weiter.

Schickt einfach eine Mail mit Eurer Post-Adresse an digitaleoekotante@posteo.de, Betreff: Frauenkörper ticken anders. – Die erste Person, die sich meldet, hat in den nächsten Tagen einen großen Umschlag im Briefkasten.

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